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Ein Kenner der ostdeutschen Musikbranche – Exklusiv-Interview mit Jörg Stempel, dem letzten Amiga-Chef

 

Für die jüngeren Leserinnen und Leser zur Erklärung: Amiga war das Plattenlabel des Ostens und ist bis heute der Markenname für die Veröffentlichung von Ton- und Bildträgern mit Künstlern und Bands aus der DDR, u.a. Puhdys, City, Silly, Karat, Frank Schöbel, Helga Hahnemann Manfred Krug u.v.a.

Herr Stempel, wir sind sehr stolz, dass Sie unser Gast im Rahmen einer Rehabilitation sind. Auf welchem Weg haben Sie unser Haus ausgewählt? Und wie fühlen Sie sich bis dato in der Parkklinik betreut?

Mein Berliner Orthopäde Dr. Lars Dieckmann ist mit dem Chefarzt der Uniklinik Greifswald befreundet. Sie haben einige Jahre gemeinsam in der Charite gearbeitet und er hat mir Professor Wassiljew als „Hüft-Experten“ nahegelegt. Eine solche Empfehlung kann man natürlich nicht in den Wind schlagen. Nach der Voruntersuchung habe ich den OP-Termin vereinbart. Der führte mich nach Greifswald. Die Uniklinik hat dann die Verbindung zur Parkklinik geschaffen und nach einem ersten Telefonat mit Herrn Lubina, der sehr entgegenkommend war, konnte ich auch diese Hürde nehmen und bin bei Ihnen im Haus gelandet. Also letztendlich waren das alles persönliche Empfehlungen.

Zu ihrer Frage wie ich die Betreuung in ihrem Haus empfinde: Selbst wenn ich wollte: Aber ich kann nichts Schlechtes oder Kritisches sagen. Ich fühlte mich von Beginn an, sowohl von den Schwestern, den sozial tätigen Kollegen als auch den Therapeuten bestens betreut. Am meisten ist mir dies in den Sprechstunden mit den Ärzten aufgefallen…, meinem direkten Ansprechpartner, Oberarzt Doktor Floß und beim Chefarzt des Hauses, Herrn Dr. Hamzeh. Selten habe ich so viel Aufmerksamkeit erfahren und Gespräche erlebt, in denen auf die Fragen und Argumente des Patienten eingegangen wurde.

Noch mal einige Anmerkungen zu Ihnen als Person: Sie sind 1947 in Gera geboren, waren Geschäftsführer von Amiga und sind Gründer des Labels Sechzehnzehn Musikproduktion in Berlin. Sie haben das Plattenlabel Amiga nachhaltig geprägt und sind bis heute als Nachlassverwalter des Labels tätig. Können Sie uns einen kurzen, biografischen Abriss geben?

Nach dem Abitur studierte ich an der Hochschule für Ökonomie Außenwirtschaft. Direkt nach meinem Studium arbeitete ich 3 Jahre als Leiter des Studentenclubs der Hochschule für Ökonomie, nebenbei als DJ (zu DDR-Zeiten hieß das noch SPU-Schallplattenunterhalter), kam dann als Kulturfunktionär an die Druschba Trasse, um die Trassenerbauer zu bespaßen und heuerte 1980 bei Amiga als Musikredakteur an.

Kurz nach dem Mauerfall lernte ich den damaligen Boss der BMG Ariola München, Thomas Stein, kennen, der mich ab dem 1.3.1990 bei der BMG als Vertriebsleiter Ost für die neuen Bundesländer einstellte. Mit dem Kauf des kompletten Amiga Katalogs im Herbst 1993 durch BMG setzte mich Thomas als Geschäftsführer für das Label-Management von Amiga ein – Ziel: Auswertung und Pflege des Katalogs, Umbau von LP auf CD, ausgewählte Neuproduktionen.

Der Amiga-Katalog umfasst über 30.000 Einzeltitel. Dazu gehören Künstler, wie die bereits oben genannten – zuzüglich aller bekannten Schlager Interpreten DDR von Monika Herz bis Andreas Holm, von Gerd Christian bis zu Veronika Fischer, hinzu kommen Rock + Pop, Liedermacher und Ausnahmekünstler wie Manfred Krug und Günther Fischer. Letzterer hat neben seinen Jazzproduktionen und Pop-Songs für diverse Künstler hervorragende Filmmusiken geschrieben, die ihm und Amiga internationale Aufmerksamkeit brachten. Schließlich gehören unsere künstlerisch aufwändig produzierten Kinder-Alben von Gerhard Schönes „Jule wäscht sich nie“ bis zu Monika Ehrhardt + „Lakomys Traumzauberbaum“ auch dazu.

Als Kenner der Musikbranche können Sie sicher einschätzen, dass sich seit der Wende besonders auch in der Musikwelt viel verändert hat. Was unterscheidet ihrer Meinung nach die Musik des Ostens bis heute von der in den alten Bundesländern oder gibt es da aus ihrer Sicht mittlerweile keine Unterschiede mehr?

Das ist eigentlich ein abendfüllendes Thema und betrifft sowohl den Unterschied zwischen DDR- und BRD-Popmusik als auch die heute gültigen „Erfolgsregeln“ in der Musikbranche. Zunächst waren wir beide (DDR + BRD) Plagiateure/ Nachahmer der Erfinder von populärer Musik – nämlich den USA und Großbritannien. Mit der Einbeziehung der deutschen Sprache haben wir als Erste eine Eigenständigkeit erreicht, selbst wenn diese zunächst politisch vorgegeben war. Mit Beginn der 80er Jahre hat sich dann auch im Westen DEUTSCH mit der „Neuen Deutschen Welle“ und später mit HipHop durchgesetzt.

Es ist allerdings bis heute nicht gelungen, zumindest nicht in größerem Umfang, Musik aus der DDR im Westen populär zu machen. Das liegt nach meinen Erfahrungen der letzten 30 Jahre in erster Linie an den Medien. Sie hatten und haben wenig Interesse, Musik aus dem Osten zu verbreiten. Oft sind sie (auch 36 Jahre nach Mauerfall) in ihren Klischees über Entstehung und Produktion von Popmusik aus der DDR gefangen, die vornehmlich von Partei und Staat mit ideologischen Vorgaben dirigiert und kontrolliert wurde. Alben von Pankow, City, Silly u.v.a. belegen das Gegenteil. Medial „ausgeschlachtet“ wurden vor allem die Fälle, die vorhandene Klischees bedienen wie die Biermann-Ausbürgerung, das Berufsverbot für die Leipziger Band Renft u.a.

Seitdem Deutsch-Pop sich im Markt etabliert hat, wird die Entdeckung der deutschen Sprache gern den alten Bundesländern zugeschrieben. Die Musik, die bei Amiga produziert wurde, zeichnete sich neben den deutschen Texten von Beginn an durch ein hohes Niveau bei Kompositionen, Arrangements und handwerkliches Können in der Spieltechnik aus. Wer professionell in den Medien oder im Livekonzert auftreten wollte, musste die entsprechende Einstufung bzw. Prüfung ablegen. So können viele Musiker des Ostens eine Ausbildung an einer der Musikhochschulen der DDR nachweisen.

Nochmals zu den Texten: Bands haben immer wieder unter den argwöhnischen Augen der politischen Beobachter dieser Szene versucht, mit ihren Mitteln Wege und/oder Gleichnisse zu finden, die bei der politischen Abnahme „durchrutschten“. So gibt es das berühmte Zitat von Tamara Danz: „Wir haben ganz bewusst in unsere Texte sogenannte grüne Elefanten eingebaut, die den politischen Kontrolleuren sofort ins Auge sprangen, aber damit von den weißen Elefanten ablenkten. In den anschließenden Diskussionen haben wir die grünen entfernt, um unsere Bereitschaft zu signalisieren und mit diesem Manöver die weißen durchbekommen. Unsere Zuhörer im Radio + TV sowie Konzertbesucher haben die versteckten Botschaften verstanden und das war uns wichtig“.

Welche Künstlerin und Künstler im Bereich der Musik sind für Sie die großen Stars des damaligen Ostens und warum?

Der Star misst sich meist nach der Menge der verkauften Tickets und Tonträger. Ehe es dazu kommt, ist ein großer Apparat von Helfern nötig. Das wird manches Mal vergessen. Bei Erfolg war es der Künstler, beim Flop ist der Manager schuld. Hinzu kommt, dass natürlich die Genres im Vorteil sind, die die Massen bewegen. Das sind in erster Linie Rock, Pop und Schlager. Radio und Fernsehen schmücken sich gerne mit massenkompatiblen Künstlern und wollen kein Risiko eingehen, weil ihnen die Quote wichtig ist. Das war auch zu DDR-Zeiten schon so. Da wurde mehr nach Popularität als nach Qualität entschieden.

Insofern waren Bands wie Puhdys + Karat populärer als Karussell, Blues-Gitarrist Jürgen Kerth aus Erfurt oder die Stern Combo aus Meißen. Das betrifft ebenso Liedermacher und Jazzmusiker oder auch die Genres Filmmusik und Chanson. Deshalb waren sie qualitativ nicht schlechter, schon gar nicht, was ihre musikalische Qualität betrifft.

Vor allem Jugendradio DT64 ist es durch seine Programmstrukturen zu verdanken, dass alle Genres – auch die weniger populären – zum Zuge (zu Gehör) kamen. Unter den geschilderten Gedanken haben sich in der Musikszene der DDR auch ein paar Eigenheiten durchgesetzt. Wir hatten und haben hervorragende Blues Musiker, allen voran o.g. Jürgen Kerth oder Engerling, aber auch Hansi Biebl und der inzwischen leider verstorbene Stefan Diestelmann. Diese Künstler waren durch ihre mediale Präsenz sowohl live als auch mit verkauften Tonträgern sehr erfolgreich. Das betrifft ebenso die Liedermacher. Denken wir an Gerhard Schöne, Pension Volkmann, Hans Eckardt Wenzel oder Barbara Thalheim. Unsere Jazzmusiker feierten und feiern international mehr Erfolge als im eigenen Land. Unbedingt nochmal nennen muss ich Günther Fischer, der auf Grund seiner internationalen Anerkennung als Filmkomponist vielleicht der einzige „Weltstar“ von Amiga ist.

Heute hat sich die ostdeutsche Radioszene dem Westen angepasst. Gespielt werden im Prinzip nur chartkompatible Songs bzw. junge Leute, auch junge „Therapeuten“ hören gar kein Radio mehr ;). Ein ebenso wichtiges Alleinstellungsmerkmal zu DDR-Zeiten war, dass Sängerinnen am Front-Mikro bei Konzerten standen. Von Uschi Brüning, Veronika Fischer, Angelika Mann, Regine Dobberschütz, Christiane Ufholz, Angelika Weiz, Pascal von Wroblewsky reicht die Stimmgewalt bis zu Tamara Danz, Petra Zieger, Ute Freudenberg, Ines Paulke, Katrin Lindner und vielen anderen. Diese SängerInnen waren nicht erotisches Zierwerk im Backgroundchor auf der Bühne, sondern bestimmten mit ihren Stimmen und ihrer Perforder Bands. Erst mit Nena und der Neuen Deutschen Welle hat sich dieses Bild auch im Westen gewandelt.

Sie waren einige Jahre Manager der Rockband Puhdys. Wie war das, die Verantwortung für eine Legende der ostdeutsche Musikszene zu tragen und deren Erfolg mit zu gestalten? Gibt es da auch heute noch Kontakte?

Ja, es gibt noch Kontakte. Nach wie vor bin ich mit Maschine eng befreundet und denke besonders an einen Höhepunkt unserer direkten Zusammenarbeit zurück – das 3.000 Konzert zum 30. Jubiläum in der Berliner Waldbühne am 19.6.1996. Die Veranstaltung war ausverkauft. 22.000 Leute feierten die Puhdys und ich hab mir den Gag mit dem falschen Mick Jagger einfallen lassen… Die Puhdys, aber insbesondere Maschine waren große Rolling Stones Fans. Ich habe über eine internationale Agentur einen Mick Jagger gefunden, der den Puhdys auf der großen Bühne zum Jubiläum gratulierte. Zunächst fielen ALLE darauf rein. Noch heute glauben einige der Besucher der Waldbühne, dass der ECHTE da war. Nur Maschine nicht…Aus allernächster Nähe auf der Bühne fiel es ihm nach 2-3 Minuten auf und …… löste einen kleinen Schock bei ihm aus. Er hatte geglaubt, dass mir dieses Kunststück mit dem realen MJ gelungen sei und war dann arg enttäuscht. Ich musste einige Wochen am Erhalt unserer Freundschaft arbeiten. Es hat lange gedauert, aber heute können wir darüber lachen.

Was sind ihre nächsten Projekte? Und worauf können wir uns dahingehend freuen?

Zunächst sind jetzt die Vorbereitungen für ein kleines Festival an zwei Abenden in Neuruppin abgeschlossen. Dort findet am 27./28.6.25 das Klassentreffen der Ostmusik statt. Das zweite große Thema ist die musikalisch inhaltliche Gestaltung der zentralen Feier zum 35. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung am 3.10.2025. Wie Sie sicher alle wissen, wird diese zentrale Feier jedes Jahr von einem anderen Bundesland ausgerichtet. Diesmal ist Saarbrücken/ das Saarland dran und wir (ein Team von Berliner Kulturproduzenten) bewerben uns um diese Ausrichtung.

Zusatz: Anekdote aus meinem Arbeitsleben der letzten 35 Jahre: 2017 feierte das Label Amiga sein 70-jähriges Jubiläum. Der MDR produzierte dazu eine Dokumentation, in der ich als Label Manager über die Entwicklung und wichtige Stationen von Amiga gesprochen habe. 3 Wochen nach Ausstrahlung der Sendung erhielt ich von der zentralen Zuschauerredaktion den Brief einer älteren Dame, die anfragte, ob ich der Sohn von ihrem Jugendfreund Fred Stempel sei und ob die Redaktion diesen Brief an mich weiterleiten könnte. Zwei Monate später besuchte ich mit meinem Vater die inzwischen 89-jährige Jugendfreundin in Brandenburg – eine zierliche, sehr an der Musik der DDR interessierte Frau, die sich ungeheuer freute über diesen eher ungewöhnlichen Weg, ihre alte Jugendliebe wiederzutreffen. Alt stimmt insofern, da zu dem Zeitpunkt mein Vater bereits 92 war. Beide hatten 1949 in Gera die FDJ gegründet und sich dann Jahrzehnte aus den Augen verloren. Es war ein emotionales und spannendes Wiedersehen! Geschichtsdokumentationen im TV schließen nicht nur wichtige Erinnerungslücken in der kollektiven Wahrnehmung, sondern können – dank dem MDR – auch Menschen zusammenführen.

„Vielen Dank Herr Stempel für diese interessanten Einblicke in Ihr Leben und weiterhin im Namen des gesamten Teams der Parkklinik alles erdenklich Gute für Sie!“

Das Interview führte Ulf Mauderer, Prokurist der Parkklinik in Greifswald

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